Bingewatching – mehr Glückshormone oder erhöhtes Suchtrisiko?

Nach einem stressigen Tag zieht es viele zum Entspannen auf die Couch. In Zeiten von Streamingdiensten hat man eine riesige Auswahl an Filmen und Serien. In der DVD-Ära nannte man es noch Serienmarathon, der Begriff Binge-Watching (zu Deutsch „Koma-Glotzen“) hat dagegen einen eher negativen Beigeschmack. Zum gelegentlichen Entspannen wird man sich kaum etwas dabei denken, kritisch wird es aber, wenn Bingen die Einsamkeit überspielen soll und als Ersatz für Freunde herhalten muss. Damit beginnt ein problematisches Suchtverhalten. Hierzulande verbringen die Menschen laut Statistischem Bundesamt rund ein Drittel ihrer Freizeit mit TV und Streaming, weiterlesen… also gut zwei Stunden täglich. Es ist deshalb sinnvoll sich eine aktuelle Studie aus China zum exzessiven Serienkonsum näher anzuschauen.

Immer mehr Koma-Glotzer
Typische Binge-Watcher sind meist jung, weiblich und suchen in der Freizeit vor allem Spaß und Ablenkung vom Alltag. Zum Bingen werden vor allem Comedy-, Crime- und Fantasy-Serien genutzt. Hat man einmal eine Serie gestartet, muss man nicht mehr aktiv entscheiden die nächste Folge zu schauen, sie läuft automatisch weiter. Intros können direkt übersprungen und sogar die Abspielgeschwindigkeit erhöht werden. Und der wöchentliche Streamingkonsum steigt statistisch von Jahr zu Jahr an. Kein Wunder, wenn Nutzer/innen angeben, Koma-Glotzen vor allem wegen der positiven Gefühle und dem Glückshormon Dopamin zu betreiben. Genau hierin steckt das größte Suchtpotenzial, denn mit quasi jeder Sucht versucht man die Dopaminproduktion anzukurbeln.

Flucht vor Einsamkeit

Demnach dient Binge-Watching oft nicht nur der Unterhaltung, sondern um negativen Gefühlen zu entkommen, bzw. positive Emotionen zu wecken. Für Menschen, die sich einsam fühlen hilft es bei der Kompensation negativer Gefühle, was wiederum das Suchtverhalten verstärkt. Serien dienen als Rückzugsort, bieten Spannung und aufgrund der vertrauten Figuren auch Geborgenheit. Befragte Studienteilnehmer sahen täglich mindestens 3,5 Stunden lang TV-Serien. Deutsche Forscher bestätigen, dass insbesondere die Flucht aus der Einsamkeit zum Bing-Watching verführt. Laut einer Burda Studie bingen 44 Prozent der weiblichen Streamingnutzer, bei den männlichen Zuschauern sind es 38 Prozent.

Sucht- und Gesundheitsrisiken
Neben dem Suchtpotenzial machen sich weitere negative Begleiterscheinungen bemerkbar wie Schlafstörungen bzw. Schlafmangel. Wer die Nacht mit der Lieblingsserie verbringt, ist am nächsten Tag müde und weniger leistungsfähig. Gedächtnis und Gesundheit leiden und oft werden auch die sozialen Kontakte vernachlässigt. Oftmals geht exzessives Serien-Schauen zulasten von Fitness, Bewegung und gesunder Ernährung. Beunruhigend: schon 2016 hatte eine Studie Zusammenhänge von Binge-Watching und Depressionen erkannt. Die vielen Stunden vor dem Bildschirm verringerten die Myelin-Produktion, die für die Weiterleitung elektrischer Signale des zentralen Nervensystems wichtig ist. Fällt diese aus oder wird blockiert, begünstigt dies die Entstehung von Depressionen und Angstzuständen. Binge-Watching schadet demnach gleichermaßen Körper und Psyche.

Bewusster Serien-Konsum
Wie also könnte man Binge-Watching verträglicher machen? Beispielsweise indem man die Autoplay-Funktion ausschaltet, sich vorher ein Zeitlimit setzt oder nur bestimmte Tage für Serien festlegt. Soziale Kontakte lassen sich durch gemeinsames Bingen oder bewusste Serien-Pausen aktivieren, in denen man sich mit Freunden trifft und anderen Hobbies nachgeht. Solange das Bingen nur hin und wieder stattfindet und der Unterhaltung dient und nicht etwa eine innere Leere und fehlende Alternativen überdeckt, ist es ungefährlich und kann Stress reduzieren. Dies zeigen auch eigene Netflix-Studien.