Wie umgehen mit medizinischem Gaslighting?
Der Begriff Gaslighting steht für Fremdbestimmung und psychische Manipulation, die vor allem in Beziehungen vorkommen. Aber auch im Verhältnis zwischen PatientIn und Arzt bzw. Ärztin taucht er öfter auf. Da Medical Gaslighting für Betroffene sehr belastend ist und oftmals zu einer Odyssee durch Arztpraxen oder schlimmstenfalls zu unbehandelten Beschwerden führt, möchten wir dies nicht ganz neue Phänomen erklären und auch die ärztliche Perspektive nicht vergessen. Der Patient oder oftmals die Patientin kommt mit eher unspezifischen Beschwerden in die Praxis und hofft auf eine fundierte Diagnose, an Hand angemessener Untersuchungen. Doch stattdessen kommt es immer öfter zu Beurteilungen, die die Symptome abbügeln oder als nicht so schlimm bewerten. Betroffene fühlen sich dann mit ihren vorhandenen Symptomen weder ernst genommen noch angemessen behandelt, vor allem bei unspezifischen Schmerzen und Erschöpfungszuständen. Die Ursachen seien nicht belegbar und eher bei zu viel Stress oder psychosomatischen Gründen zu suchen. Man müsse nur seine Einstellung und sein Verhalten ändern, dann würden die Symptome wieder verschwinden.
Ist man selbst schuld?
Nicht selten fühlt man sich nach einer solchen „Diagnose“ wie ein Hypochonder mit eingebildeten Beschwerden und sucht die Ursachen für diese bei sich selbst. Häufig betroffen sind hiervon vor allem Frauen, was das medizinische Gaslighting nicht selten zu einem Gender-Health-Gap führt, wenn das Geschlecht über den Erfolg einer Behandlung entscheidet. Die Medizin orientiert sich noch immer überwiegend am männlichen Körper als an weiblichen Besonderheiten wie Hormonlage, geringerem Gewicht, häufig atypischen Symptomen und Arzneimittel-Studien, die gleichermaßen weibliche wie männliche Probanden einschließen.
Fehlende Gender-Medizin
Gerade Frauen kommen oftmals mit unklaren Symptomen wie Schwindel, Erschöpfung und Kreislaufbeschwerden in die Praxis. Wenn dann der Blutdruck aber unauffällig ist und auch ein erstes EKG keine Besonderheiten zeigt, werden oft keine weiteren Mittel der Diagnostik eingesetzt. Beschwerden sind dann schnell „normal“ oder hormonell bedingt oder lassen sich durch mehr Sport oder eine Gewichtsreduzierung in den Griff kriegen. Häufig von medizinischem Gaslighting betroffen sind chronische Erkrankungen wie Autoimmunstörungen, Migräne, Endometriose aber auch Herzbeschwerden, die bei Nichterkennen kritisch oder durch Tipps wie „machen Sie mehr Sport“ schnell gefährlich werden können.
Kostendruck und Zeitmangel
Eine unzureichende Anamnese ist oft dem Zeitdruck und nicht zuletzt notwendiger Kostenreduzierung der Praxen insbesondere bei Kassenpatienten geschuldet. Jede/r Patient/in hat aber das Recht auf eine zweite Meinung und sollte diese bei einer Diagnose, die sich nicht an den genannten Symptomen orientiert auch nutzen. Es wäre bei einem weiteren Termin wichtig sich auf das Gespräch mit dem/der Arzt/Ärztin vorzubereiten und vorab konkrete Fragen zu formulieren.
Sich Unterstützung holen
Wenn man sich unsicher fühlt, kann auch die Begleitung durch einen Familienangehörigen oder eine Vertrauensperson sinnvoll sein. Man sollte wissen, dass es zahlreiche Krankheitsbilder gibt, bei denen bis zur endgültigen Diagnose mitunter Jahre vergehen können, denn nicht immer passt das ärztliche Profil zum Krankheitsbild. Bei der Unterleibserkrankung Endometriose z. B. haben viele Frauen eine jahrelange Praxen-Odyssee hinter sich. Ähnliches gilt für die chronischen Erschöpfungszustände bei ME/CFS und für manche seltene Autoimmunerkrankung.
Tagebuch führen
Hilfreich ist es, um eine Bagatellisierung zu verhindern, ein Krankheits- oder Schmerz-Tagebuch zu führen, wo man festhält, wann, wie oft und wie stark welche Symptome auftreten. Im Zweifelsfall sollte man konkret nach bestimmten Untersuchungen wie Langzeit- oder Belastungs-EKG, einem MRT oder tiefergehenden Blutuntersuchungen fragen. Je besser vorbereitet man in ein Arzt-Gespräch geht, desto schwieriger wird es Symptome kurzer Hand abzuwiegeln.



