Der Hype um pflanzliche Bitterstoffe

Bitterstoffe gelten derzeit als wahres Superfood, von dem man gar nicht genug kriegen könne. Hervorgehoben wird dabei vor allem die Wirkung von Chicorée, Artischocke, Radicchio & Co. auf die Verdauung insbesondere Magen, Galle und Bauchspeicheldrüse. Sie wirken gleichermaßen appetitanregend und verdauungsfördernd. Der Hype wird insbesondere durch Influencer auf Social-Media angeheizt, die Bitterstoffe als Abnehmwunder bezeichnen und damit neue Nahrungsergänzungsmittel wie z. B. Bittertropfen propagieren. Höchste Zeit die neuen Produkte und ihre Werbebotschaften genauer zu hinterfragen.

Über 1000 Bitterstoffe
Bitterstoffe findet man in vielen Lebensmitteln. Seit einigen Jahren wurden sie aber gemäß den Verbraucherwünschen gezielt weggezüchtet bzw. reduziert wie beim Chicorée oder Rosenkohl. Ein bitterer Beigeschmack gilt eigentlich als Warnung, dass etwas eventuell giftig oder ungenießbar sein könnte. Aber bedeutet das, dass man heute automatisch zu wenig davon zu sich nimmt? Mehr als 1000 natürliche Bitterstoffe sind derzeit bekannt, die im Stoffwechsel eine wichtige Rolle spielen. Im Verdauungstrakt sorgen Sie für die Hormonproduktion und für die Ausschüttung von Insulin, das den Blutzuckerspiegel senkt. Die generelle Aussage, alle Bitterstoffe würden beim Abnehmen helfen, ist kaum haltbar. Viele Bitterstoff sind dagegen für unterschiedliche Reaktionen und Bereiche zuständig.

Vorsicht bei Gallensteinen
Forschende gehen davon aus, dass natürliche Bitterstoffe gegenüber Tropfen oder Sprays die bessere Alternative sind. Außerdem ist bei Nahrungsergänzungsmitteln nicht sicher, was hier in welcher Konzentration enthalten ist, da sie weder getestet noch kontrolliert werden und die Deklarierungen nicht immer stimmen. Von einzelnen Bitterstoffen ist sogar bekannt, dass hohe Konzentrationen bei Magengeschwüren oder Gallensteinen gefährlich werden können, wenn zu viel Gallensaft produziert wird. Auch bei der Neigung zu Sodbrennen sollte man Bitterpräparate eher meiden. Unklar ist außerdem, wie viele Bitterstoffe in welchen Mengen einfach zu viel sind. dasselbe gilt für die gesundheitlichen Folgen von Wermutkraut und Artemisia, die beide häufig in Bittertropfen enthalten sind. Insgesamt warnen Verbraucherzentralen vor dem regelmäßigen Einsatz der neuen bitteren Nahrungsergänzungsmittel – ob als Kapseln, Tropfen, Pulver, Brausetabletten oder Spray. Sie halten sie gar für unnötig bis bedenklich. Bei den Tests hat sich herausgestellt, dass in vielen Produkten vor allem Löwenzahn, Enzianwurzel, Artischocke, Wermut, Kurkuma und Ingwer verwendet wird.

Widersprüchliche Wirkungen
Die Wirkweisen natürlicher Bitterstoffe sind teilweise durchaus widersprüchlich. Manche sollen Hungergefühle unterdrücken, andere wiederum den Appetit anregen. Auch zu einer angeblich entsäuernden Wirkung gibt es keine eindeutigen Ergebnisse. Derartige Werbeversprechungen sind schon deshalb unseriös, da es bislang keine wissenschaftlichen Angaben zum täglichen Bedarf gibt. Belegbar sind derzeit nur wenige Vorteile wie die Anregung der Darmtätigkeit und der Gallenflüssigkeit. Aussagen, es gäbe weniger Blähungen oder Heißhunger auf Süßes, es komme zu einer Senkung des Blutzuckerspiegels oder hätte eine entsäuernde Wirkung sind bisher nicht belegt. Bittertropfen als gezielte Verdauungshilfe vor oder nach dem Essen einzusetzen, vergleichbar mit einem Magenbitter, ist genauso unsicher. Als mögliche Ursache für unerwünschte Nebenwirkungen führen Hersteller gern erste Entgiftungsreaktionen an.

Bitterstoffe in der Ernährung
Natürliche Bitterstoffe sind in Kaffee, grünem und schwarzen Tee sowie zahlreichen Kräutern wie Minze, Salbei, Rosmarin, Thymian, Pfeffer und Chile enthalten. Auch in Erbsen, Sojabohnen, Nüssen und zahlreichen weiterem Gemüsesorten findet man sie – in allen Kohlsorten und Spargel, Sellerie, Tomaten, Rucola, Rote Bete, Oliven und roten Zwiebeln. Sogar Beeren, Trauben, Zitrusfrüchte, Pflaumen, Kirschen, Äpfel und Birnen enthalten Bitterstoffe. Grundsätzlich kann ein Mangel an Bitterstoffen in der Ernährung zu Verdauungsproblemen wie Blähungen, Völlegefühl oder Verstopfung führen. Was in kleinen Mengen den Stoffwechsel unterstützt kann aber in größeren Mengen zu Vergiftungen führen. Manche Gemüsesorten können übrigens je nach Reifegrad einen bitteren Geschmack entwickeln, die man dann keinesfalls mehr essen sollte wie Zucchini, Kürbis und Gurken.