Risiken durch Melatonin-Einschlafsprays?

Jahr für Jahr steigen die Angebote an Melatonin-Produkten und auch die Nachfrage nimmt stetig zu. Bei der unüberschaubaren Menge in Drogeriemärkten und Apotheken hat der Verbraucherschutz einen Teil nun genauer unter die Lupe genommen. Bei Öko-Test wurden bei 16 von 19 Sprays gravierende Mängel gefunden. Von ungenügend bis ausreichend reichten die Bewertungen, wobei letztere den besten Noten entsprach. Bewertet wurden Inhaltsstoffe, Wirksamkeit und Verbraucher-Informationen. Der Nutzen ist demnach sehr begrenzt und bei über der Hälfte wich die im Labor nachgewiesene Menge des enthaltenen Wirkstoffs so weit von den Angaben der Hersteller ab, dass eine Einnahme sogar gefährlich werden kann. Der Melatoningehalt lag teilweise höher als bei verschreibungspflichtigen Mitteln. Dazu kommen fehlende Hinweise auf Einnahmedauer, Risikogruppen oder zusätzliche Inhaltsstoffe.
Risiko langfristiger Einnahme
All dies ist rechtlich gesehen bei einem Nahrungsergänzungsmittel (NEM) nicht zwingend nötig. Aber viele Nutzer übersehen nur allzu oft, dass es sich bei NEMs eben nicht um geprüfte Medikamente handelt. Das Nutzen-Risiko-Verhältnis ist auch laut BfR (Bundesamt für Risikobewertung) kaum im Sinne einer unkontrollierten oder gar langfristigen Einnahme, deren Folgen völlig im Dunkeln liegen. Oft wird bei Melatonin ausgeblendet, dass es sich um ein körpereigenes Hormon handelt, das nach Sonnenuntergang in der Zirbeldrüse im Gehirn gebildet wird. Die Produktion beginnt zur Vorbereitung auf den Schlaf und findet nachts ihren Höhepunkt. Sie beeinflusst neben unserem Schlafbedürfnis auch die Körpertemperatur und hängt zusammen mit der Ausschüttung weiterer Hormone. Jede zusätzliche Einnahme greift somit in den komplizierten und sehr individuellen Hormonhaushalt ein.
Keine Hinweise auf Neben- und Wechselwirkungen
Verschreibungspflichtige Melatonin Präparate geben deshalb das Schlafhormon über einen längeren Zeitraum in den Stoffwechsel ab und nicht auf einmal. Bei Melatonin haltigen NEM-Produkten liegen weder Studien noch wissenschaftliche Daten vor. Entsprechend riskant ist deren regelmäßige Einnahme. Typische Nebenwirkungen können laut BfR Kopfschmerzen, Blutdruckabfall, Tagesmüdigkeit, verlängerte Reaktionszeiten sowie Alpträume sein. Aber auch Wechselwirkungen mit Medikamenten sind möglich, insbesondere wenn diese wie das Melatonin über Leber und Nieren abgebaut werden, ebenso für spezielle Risikogruppen mit entzündlichen Vorerkrankungen wie Morbus Crohn sowie Epilepsie oder Autoimmunstörungen.
Mögliche Herzinsuffizienz
Hinzu kommt das erhöhte Risiko für Herzinsuffizienz, die durch eine US-amerikanische Meta-Studie aufgedeckt wurde. Hierbei wurden die Daten von mehr als 130.000 Erwachsenen aus unterschiedlichen Ländern ausgewertet, die mindestens ein Jahr Melatonin-Präparate eingenommen hatten. Das Risiko innerhalb von wenigen Jahren danach eine Herzschwäche zu erleiden, war demnach statistisch um 89 Prozent höher als bei Menschen, die kein Melatonin einnahmen. Diese Erkenntnisse sind allerdings vorläufig und müssen noch bestätigt werden. Falls ja, könnte sich dies auf künftige ärztliche Empfehlungen bei Schlafproblemen auswirken oder auch jegliche Einnahme von Melatonin künftig eine ärztliche Kontrolle notwendig machen.
Sinnvoll bei Jetlag
In welcher Form sie angeboten werden, ob als Spray, Tropfen, Dragees oder auch Gummibärchen ist dabei unerheblich. Gerade bunte Gummidrops suggerieren am stärksten ihre Harmlosigkeit. Dabei sind es eben keine Süßigkeiten, sondern Hormone, die vor allem bei häufiger Einnahme die Körperfunktionen beeinflussen. Sinnvoll könnten sie dagegen weiterhin bei Symptomen eines Jetlags sein. Wiederkehrende Schlafprobleme benötigen dagegen eine gründliche Anamnese und meist das Üben von Entspannungstechniken, die langfristig mehr bringen als Schlafmittel.
